Als mir anlässlich der ersten Pegida-Proteste die Hutschnur platzte ... ein alter Text, leider immer noch recht aktuell.
Borna b Leipzig“ hieß mein erster Text, den ich nach meiner Ankunft in Leipzig an einem Samstag im Oktober 2000 verfasst habe. Der Text ist verschollen, aber ich erinnere mich noch, dass ich vor dem einzigen Dönerladen stand, dessen Scheibe „natürlich“ kaputt war. Die Herbstsonne schien auf die biergelben Scheiben eines einsamen Gasthauses, das ich zu Hause (im Süden der Republik) vielleicht wohlwollend als „Besenwirtschaft“ bezeichnet hätte. Bei meinem ersten Provinzausflug in den Osten sah ich keine Menschenseele, nicht einmal Gäste in der Gaststätte. Ich sah keine Ausländer, ich sah keine Inländer. Ich sah nur ein Casino und die kaputte Scheibe des Dönerladens. Ich fröstelte und fuhr zurück in die ostdeutsche Stadt. Der Osten der Jahrtausendwende: Nett, aber ausländerfeindlich Es waren harte Zeiten damals für eine angehende Politikwissenschaftlerin (von politischen Theorien hingerissen und, wie die meisten Kommilitonen, in dauernder Empörung über die praktische Umsetzung). Ich kam aus Freiburg im Breisgau, der Inbegriff an studentischer Glücksseligkeit, und wollte endlich einmal mein Land in Gänze kennen lernen. Der Süddeutsche neigt ja dazu, sich in seinem Ländle mit Hügele zu vergraben und sein gutbezahltes Jöble zu machen und dann zu sagen, die anderen seien selbst schuld, wenn das Leben schwer sei. Nun. Die Studentenzeit ist vor dem reifen Alter die einzige Phase, sein Klischeedenken mal in den Griff zu bekommen. Was soll ich sagen: Ostdeutschland machte es mir nicht leicht zur Jahrtausendwende. Leute, die nicht mit mir redeten, als sie hörten, ich sei ein Wessi. Der latente Vorwurf, ich sei arrogant, weil – naja, weil ich mich nicht ganz schlecht fand. Und dann – Rostock und Lichtenhagen, Lichterkette und Dunkeldeutschland eingedenk – dieser seltsame Umgang mit den Ausländern. Es gab kaum welche und wenn, dann wurden sie auch noch so genannt (gerne auch mal „Fidji“). Im Jahr 2000 war es so: der Osten ist nett, aber ausländerfeindlich. Die Entfremdung zwischen beiden Landesteilen war sehr groß. Als ich 2002 nach Paris, einem interkulturellen Schmelztigel, ging, dachte ich nicht, dass ich einmal wiederkäme. Das Durcheinander als Statement In der französischen Hauptstadt fand ich, was ich suchte. Denn ich stehe auf das Durcheinander verschiedener Kulturen. Ich stehe auf Reibungen zwischen Menschen. Weil da was passiert. Auch wenn’s nervt, das gehört zum Menschen dazu. Ein dummbaggernder Türke geht mir genauso auf die Nerven wie eine rechthaberische Alte, wie meine Kinder, wenn sie nörgeln, wie meine Freunde mit Laberflash. Ein Leipziger Bekannter aus dem Ruhrpott vertraute mir kürzlich an, dass er seine alte Jungsgang vermisst, in der er der einzige Deutsche war, weil die Witze da besser gewesen seien. Steige ich bei meinen zahlreichen Dienstreisen für Nimirum in Essen, Köln oder Dortmund aus dem Zug, habe ich das Gefühl, in einem anderen Land zu sein. Manchmal komme ich mir unterbelichtet vor, weil ein Mädchen in rasender Geschwindigkeit in ihr Handy deutschtürkt: „biz zaten yapmıyoruz çünkü völlig durchgeknallte öğretmen, bize daha fazla ödev vermez söyledi düşünün, geil oder?“ Glauben Sie mir, Ich als Mutter würde sehr, sehr gerne deutschtürken können! „Das verrückte Çocuk kendini giymiş olduğunu , breakfasted düşünün ve zamanında bu sabah otobüs almak, geil oder?“. Was das heißt, dürfen Sie jetzt selbst mal bei Google Translator schauen. Leipzig jetzt: avantgardistische It-Town Statt in den Ruhrpott zog ich 2009 wieder nach Leipzig. Und fand mein Leben. Mir gefällt der egalitäre Zug der Leute hier, der engere Seinsbezug zum Leben. In der Finanzkrise hatte ich sogar das Gefühl, einer Avantgarde anzugehören, in der es jenseits der Konsumzufriedenheit ein größeres Ziel gibt. Mir gefallen auch tausend andere Sachen in Leipzig: Architektur, Kultur, Natur, Szene, modernes Genderbewusstsein, mittlerweile sogar der Slang (wobei man da als Schwabe eh den Mund halten sollte). Allein die Sache mit den Ausländern. Meine neue Strategie war, mir größtmögliche Distanz dazu zu verschaffen: das sei „peinlich“, beträfe aber eigentlich nur noch „die Provinz“. Das ging Jahre lang gut, währenddessen zumindest in den Städten eine dünne Decke Migranten entstand, die nicht sofort verhauen wurde. Mit Genugtuung beobachtete ich, wie sich in der Tram und auch im Freundeskreis die Ränder ausfranzten. Zuerst zwischen West und Ost und, langsam, aber sicher, auch zwischen Deutschland und Ausland. Ich revidierte einige Haltungen und fühlte mich wohler. Ich wurde ein echter Wossi. Ich gründete mit meinem Geschäftspartner Nimirum. Die Unterschiedlichkeit von Kulturen ist die Grundlage unserer Arbeit. Die deutsche Perspektive ist dort nur eine von vielen. Vielleicht bilde ich mir deshalb ein, dass der Osten offener ist als er in den Mainstream-Medien dargestellt ist. Unsere sächsischen Kunden beschäftigen uns für ihre internationale Kommunikation; wir kennen zahlreiche Länderexperten, die in Leipzig und anderswo leben; meine Journalistenkollegen im DJV erlebe ich als geradlinige und besonnene Zeitgenossen. Von meinem Freundeskreis ganz zu schweigen. Ich begann, stolz zu sein, im Osten der Republik zu wohnen – auch, weil internationale Blätter Leipzig als neue It-Town entdeckten. Irgendwann in den letzten zwei Jahren war ich mir sicher: so wie es in Berlin Anfang der 2000er war, ist es jetzt in Leipzig. Lustig, bunt, immer wo was los. Das „Pack“ – Das sind nicht wir! Pegida dann war der erste Fausthieb in meinen Magen, Tröglitz der zweite und Heidenau gab mir beinahe den Rest: täusche ich mich? Wo lebe ich? Haben „die“ denn gar nichts gelernt? Alte Reflexe, zum Osten Deutschlands nicht dazugehören zu wollen, kamen hoch. Die leeren Straßen von Borna bei Leipzig anno 2000, deren Ausdünstungen des verlorenen Lebensgefühls. Bitteres Lachen, als ich vom Begrüßungsplakat für Merkel in Heidenau las: „Wir sind das Pack“. Wie wahr, wie wahr. Ein nihilistischer Wortwitz, der die die politische Reife des Ostens in meinen Augen unverhältnismäßig degradierte. Meines Ostens? Gibt es noch einen anderen? Mir kam die Zögerlichkeit einiger Ostdeutscher in den Sinn, die sich angesichts der Pegida-Diskussion wegducken wollten. Beleidigt schienen, dass man sie im Westen Deutschlands (und sonstwo) jetzt wieder „blöd“ fand. Das machte mich sauer. Ihr seid doch auch dagegen, bitte mal#mundaufmachen! In meiner süddeutschen Herkunftsregion gab und gibt es ganz schön rechte Ecken. Das rechte Getuschel, der Alltagsrassismus, über alle Bildungsgrenzen hinweg, all das gibt es auch im Westen. Heimlicher eben. Das „die haben es viel besser als wir“ allerdings nicht. Und dieser Tatendrang in allen Bevölkerungsschichten, der die große Mehrheit des Landes nun so irritiert. Und das Ost-Bashing in den Medien ziemlich einfach macht. DDR = Syrien – Pegidander verstehen das Vielleicht funktioniert deshalb der, aus meiner Sicht etwas schräge Vergleich der Flüchtlinge aus der DDR und denen aus Syrien. Die Botschaft ist simpel und wahr: Dieses Schicksal kann jeden treffen. Es gibt den Zustand unverschuldeter Hilflosigkeit, bei der Menschlichkeit erstes und oberstes Gebot ist. Egal, für wen. Vielleicht deshalb, vielleicht auch angesichts der Realitäten ist zögerlich in den letzten Tagen ein Umdenken zu bemerken. Ehemalige Flüchtlingsgegner werden zu Befürwortern und helfen, pragmatische Lösungen werden gesucht. Leipzig versucht derzeit mit allen Kräften, das München des Ostens zu werden. Refugees Welcome! Können wir so verbleiben, liebe Wahlheimat?

Der Text vom 10. September 2015 erschien auf dem Blog von NIMIRUM und in der EditionF.