PROSATEXT ----- Mir gegenüber sitzt ein Pärchen mit Hund. Der Mann trägt seinen Schopf, wie hier üblich, sehr kurz. Die Haare der Frau hingegen sind lang und schwarz, was mich hoffen lässt.

Ihr nicht uncharmant zwischen Jugend und Reife oszillierendes Gesicht erinnert mich an jemanden.

Mir gegenüber sitzt ein Pärchen mit Hund. Der Mann trägt seinen Schopf, wie hier üblich, sehr kurz. Die Haare der Frau hingegen sind lang und schwarz, was mich hoffen lässt.

Ihr nicht uncharmant zwischen Jugend und Reife oszillierendes Gesicht erinnert mich an jemanden. Jemanden aus einer längst verblichenen Zeit, einer Zeit, die mir im Nachhinein als Aneinanderreihung von Nächten erscheint, in entweder stickigen, brüllend lauten, zugleich knisternden, auf jeden Fall jedoch halbdunklen Räumen, oder entlanglaufend an Flüssen, flüsternd oder schon nicht mehr flüsternd; auf alle Fälle waren es immer verheißungsvolle Nächte gewesen, an die mich die Frau an diesem unauffälligen Dienstagmorgen erinnert. Während der Zug unvermindert vorwärts rattert, laufen meine Gedanken rückwärts, und ich folge ihnen, mit halbem Widerstand, denn sie sind gefährlich für mein Gleichgewicht.

Unterdes unterhält sich die Frau mit ihrem Mann, versucht ihn mit Worten in diese Welt zu locken. Ich zähle ihre Ringe, es sind vier. Er sieht aus dem Fenster, sein Blick mäandert, offenbar versucht er, die Bäume draußen einzufangen. Sein knapp beschnittenes Haupt mit dem breiten Hals nickt kurz, wenn es ihm erforderlich scheint, allerdings in die ihr entgegengesetzte Richtung. Die Lippen mürb, geschlossen. Ein Fußballfan nach verlorenem Drittliga-Spiel, der mit seinem Kumpel nach Hause fährt, im Geiste die Tabellenplätze zählend, die der Verein verloren hat und in direkter Linie zu den Verlusten seines Lebens wandernd. Eine Frage des Charakters, ob und wie sich diese Verdrossenheit gegenüber den Mitmenschen äußert. Sie äußert sich jedoch, zweifelsohne.

Blühende Landschaften, (c) Michael Mutschler, 2011

Da ich selbst schon bei weitaus geringeren Abweisungen verzweifle, keimt Bewunderung für den Langmut der Frau auf. Gleichzeitig bin ich der Farbe ihrer Haare schon jetzt überdrüssig. Es ist die hier übliche Haartönung, asiatisch schwarz heißt sie vielleicht. Dass sie Hautunreinheiten betont, steht offenbar nicht auf der Packung. Auch bei der hiesigen Vertreterin des weiblichen Kolkraben mache ich mehr Hügel und Krater im Gesicht aus, als ihr lieb sein kann.

Und doch schiele ich öfter zu ihr hin. Ihr Gesicht, das mitsamt den tönenden Untiefen mich erinnert, hat mildernde Wirkung auf mich, die ich heute wieder allzu gereizt bin durch den Umstand, überhaupt in diesem Zug sitzen zu müssen.

Derweil rumpelt die Bahn der nächsten Station entgegen. Die grauen Streifen im unteren Fensterrand, mein Ausweichaussichtsobjekt beim Observieren des Paares, sie gerinnen zu Mauern. Die Gleise quietschen und ich kann den Mörtel zwischen den Steinen erkennen. Wie schlecht geputzte Zähne, denke ich und fahre mir mit der Zunge über dieselben. Ein Tick, der sich in letzter Zeit häufiger bemerkbar macht, als mir lieb ist. Der Hund, im Übrigen nichtssagend, hebt eines seiner Schlappohren, als die Schienen ächzen, und er bellt in einem Ton, der sich vom Geräusch der bremsenden Eisenbahn nicht wesentlich unterscheidet. Die Frau und der Mann beugen sich gleichfalls und gleichzeitig herunter, um den buschigen Köter zu streicheln. Ihre Finger kreuzen sich einen Moment, aber nur sehr kurz. Der Zug wird ein letztes Mal lauter, bevor er zum Stehen kommt. – Im 21. Jahrhundert, in dem ja außer Neapel nichts mehr offiziell stinken darf, sitze ich in einem Zug, der quietscht wie der Webstuhl meiner Großmutter. Ich möchte mir die Ohren zuhalten, statt dessen sehe ich nach draußen, erkenne einen Himmel zwischen weiß und, ja, braun, das Wellblechdach einer Hütte im Vorgarten, ein zusammengeschlagenes Fahrrad und grau vermummte Menschen, die in der Winterkälte auf den Zug warten. Mit eingezogenen Schultern steigt der erste ein, die anderen, fünf, zehn, folgen, ein jeder schweigend, ein jeder für sich. Ich sehe auf die Uhr, kurz nach halb zehn. Wir sind in Rackwitz b. Leipzig. Heute, an meinem Stadttag.

Fahre ich nach Halle an der Saale, bin ich irgendwann einfach da, steige ich aus, denke ich, Halle ist besser als sein Ruf, und eile ich, jenem besseren Ruf entgegen, schnell aus der tristen Bahnhofsumgebung hinaus. Wenn ich aber, verschwitzt, und vom Kopfsteinpflaster, das ich fahrrädisch vergebens versuche plattzutrampeln, moralisch erledigt im Zug nach Leipzig sitze, kennzeichnet Rackwitz die Grenze: hier noch ist die Fremde, gleich ist es geschafft.

In Rackwitz kulminiert die Trostlosigkeit, die ich über die Fahrt angesammelt habe. Spätestens, wenn ich in Wolfen einsteige, in den Zug in die Stadt einsteige, bricht die Unversöhnlichkeit aus mir heraus, die ich im Alltag auf dem Dorfe sorgfältig verberge.

Was muss der Bahnhof Wolfen auch so unansehnlich sein? Immerhin Pendlerbahnhof eines Großunternehmens, und somit andernorts garantiertes Ziel öffentlicher Investitionen, verleibt sich der Bahnhof Wolfen jeden Sinn für das Schöne, Lebendige ein, sobald man ihn betritt. So sehr schäme ich mich für diesen Bahnhof, dass ich meine Gäste lieber vom weiter entfernten Bitterfeld abhole. Auch diese Stadt hat keinen guten Ruf. Aber zumindest einen neuen Bahnhof. Der Bahnhof in Wolfen ist hässlich; und das Wort hässlich, ganz am Ende der nuancierten Bewertungsskala, die ich mir im Architekturstudium zugelegt habe, muss hier stehen. Er ist entsetzlich grau, verkritzelt, und selbst wenn er nicht nach Pisse stinkt wie ein U-Bahn-Schacht in Berlin, riecht man es unwillkürlich. Er sieht so aus. Kein Architekt hat ihn gebaut, höchstens ein betrunkener, denn nach einer geradezu grotesk hohen Eingangshalle, in der nichts steht als eine lächerliche Bank in der Mitte, folgt der Absturz. Eine lange, verholperte Treppe macht jede Möglichkeit zunichte, einen schon einfahrenden Zug zu erwischen. Auch Hochhackiges, Optimistisches gilt es zu vermeiden. Ist man endlich unten, steht man vor einem Schacht von maximal Zweimeterzwanzig Höhe. Ein Schelm, wer glaubt, ein Schacht sei ein Schacht! Die linke Hälfte ist nicht begehbar, Wasser steht dort, immer, und es scheint der Rinnsale mittelalterlicher Gassen zu gedenken, wie sie die Fäulnis der Menschheit abtransportierten. Dabei stinkt es gar nicht. Das Bauamt scheint sich mit dem Schaden arrangiert zu haben: Ein Stahlgitter grenzt die linke von der rechten Seite ab. An diesem hangelt man sich entlang, die niedere Betondecke dräut über einem wie Gottes Zorn, Graffiti rechts, faustischer Sud links. Mit engem Herzen sollte hier keiner herunter. Das Gleis oben ist zugig, und das einzig Beruhigende ist das blaue Stadtschild. Irgend jemand bei der Bahn weiß also, dass es diesen Bahnhof gibt.

Love?, (c) Michael Mutschler, 2011

Fahre ich also an meinem Stadttag nach Leipzig, fahre ich durch Rackwitz. In einem Muster, das ich nicht kenne, hält der Zug dort, spuckt Leute aus und saugt andere ein. In ebenjenem Muster, das ich nicht kenne, aber an keinem anderen der Zwischenhalte außer Rackwitz, bricht sich zugleich auch mein architektonisch, olfaktorisch und irgendwie auch sozial gebrauter Frust Bann.

Meinen überstürzten Aufbrüchen in die Stadt ein Emblem zu geben, sie Stadttag zu nennen, obwohl sie weder montags, dienstags noch ansonsten regelmäßig stattfinden, sondern einer plötzlich aufkeimenden Inbrunst gegenüber dem Leben folgen, die ihr Ventil sucht, ein Impuls des Zweifelns gegenüber dem darstellen, was ist, eine Art skeptischer Suche nach anderen, vielleicht nur vergangenen Möglichkeiten, folgt meinem eingeborenen Hang zum Euphemismus. Stadttag ist das Gegenteil von Landleben, auch dies ein Euphemismus, dem ich, und zwar ausschließlich, unter diesen Voraussetzungen gefolgt bin; das Landleben als Symbol geistiger Freiheit und auratischer Erfrischung, das Landleben zur Sicherung einer heilen Lebenswelt für den Nachwuchs, und nicht zuletzt, vielleicht doch zuerst, das Landleben als das, was der urbane Mainstream außerhalb der Magazin-Wirklichkeit schließlich verwirft; dies zumindest oder schon überhaupt gültig für den Osten unserer Republik. Der Mainstream, der sich permanent gegen sich selbst widersetzt, das bin ich – und ich bin, so scheint es, an dessen äußerster Grenze angekommen: im Zentrum der Peripherie.

Der Zug ruckelt und fährt wieder an. Das Pärchen sitzt mir noch gegenüber, beide sehen in entgegengesetzte Richtungen. Sie tut mir leid, und sie ist meiner Erinnerung entsprungen.

Sie tut mir leid.

Zwei andere haben sich mittlerweile in unser Abteil dazugesellt, wovon einer gleich einschläft. Der andere hat sein Fahrrad mit dabei und sitzt dicht neben mir. Ich kann seinen Atem riechen. Dann furzt der Köter gegenüber, vernehmlich, und endlich, ich bin fast so erleichtert wie die Mich-an-jemanden-erinnernde-Frau, lächelt der Mann. Er lächelt!

Das Bäuerchen des Hundes ist sein Furz.

Die Frau wendet ihr Gesicht dem Mann zu, verschwörerisch grinst sie, er jedoch sieht schon auf den Hund. Im Abwärtssehen ist er einmal an ihrem Gesicht vorbeigehuscht, aber da war sie noch dabei, die Möglichkeiten zu begreifen. Wäre ich begabt, wäre ich Künstlerin geworden. Videokünstlerin zum Beispiel. Die Szene der sich verpassenden Blickachsen in einer unkommentierten, aber ewigen Wiederholung vor einem blassblauen Hintergrund, ihr Sehnen, sein betontes Nicht-Sehnen, hätte ein Werk werden können. Wie wunderschön das Groteske der Geste zum Vorschein gebracht würde, aus der Anhöhe der Kunst; ich sehe mich einen Moment in der Tate Modern, mit Filmen von Naim Paik und Stan Douglas. Die Illusion hält keine Sekunde. Mächtiger das Bild, das der eigentliche Adressat die Ikonographie des Schmerzensweibes sogleich entzifferte, einmal die Zunge in der Backenhöhle ploppte, um dann vor großem Publikum höhnisch zu kommentieren: Das also ist schon Kunst? Na dann, viel Glück!

Der Mann dreht sich ihr schließlich zu, das Schmunzeln des Herrchens über den stattlich furzenden Hund noch im Gesicht. Er sagt etwas. Sie antwortet, selbstverständlich, und subito.

Mit silbrigem Lächeln, denn sie hat ihn zum Reden gebracht, lehnt sich Asiatisch Schwarz zurück. Sie ist doch eigentlich schön. Kurzhaar schweigt wieder, dieses Mal mit etwas mehr Emphase. Ein fast zufriedenes Gesicht, auch er buhlt ja doch um Zuneigung. Ich muss mich davon abhalten, die Frau nicht zu intensiv anzustarren, die Person, an die sie mich erinnert – oder die sie ist? – muss aus einem meiner ersten Leben stammen. Irgendeine Hoffnung steckt dahinter.

Landflucht c Michael Mutschler 2011

Landflucht (c) Michael Mutschler, 2011

Ich sehe ihn an.

Mein System rotiert.

Die Weigerung zur Wahrheit ließ einen Freund einst sagen: Investigativ bist du ja nicht gerade; das war deshalb eine Beschimpfung, weil ich damals den bundesrepublikanischen Sumpf journalistisch aufdecken wollte, die Zunge als Waffe, die Moral als Schild. Es bedurfte wehender Fahnen, um skeptisch zu werden – das sprechend-schweigende Symbol einer alten Reichsfahne kann auch der größte Optimist nicht übersehen. Ich sah es am ersten Tag in meiner neuen Heimat. Am 3. Oktober. Danach kippte die Wahrnehmung.

Zur Koordinatensicherung meiner eigenen Gesinntheit habe ich jenes System entwickelt, das im Supermarkt oder im Wartezimmer seine Anwendung findet. Wer welche Gesinnung hat, vor allem, ob er es wohl neben einem Nicht-Deutschen guten Gewissens aushalten könne, umreißt die traurige Dimension meiner inneren Abwägung, die ich jedem Ansässigen angedeihen lasse. Ich fühle mich permanent bedroht; auch von der Abwesenheit von Gesinnungskollegen. Harmlose Bekanntschaften vermitteln gefährliche Botschaften, ich sehe keine Ausländer auf dem Dorf, und wenn, dann fällt es mir gleich auf. Der Schild, den ich mit mir herumtrage, ist eine glückliche Wohnexistenz in Berlin-Neukölln, mein Schwert aber, es ist mir abhanden gekommen. Ich schwanke, ich rede schön, rede schlecht, genieße und leide. Will keinen verdammen und verdamme sie damit alle zugleich. Die rechtstaatliche Ordnung, im Unterricht halb gelangweilt zur Kenntnis genommen, ist mir hier, im Exil, zum Ankerpunkt der eigenen Identität geworden. Mein fast schon körperliches Schwanken bedarf dieses Systems. Zugleich zementiert das System mein Schwanken. Bellt bloß Pawlow? Die, weil trotzig beharrliche, wohl angeborene tolerante Gesinnung hilft im Zentrum der Peripherie jedenfalls nicht weiter.

Rackwitz als erstes Dorf nach der Stadt vermittelt insofern eine Gesinnungsgrenze: Ich stabilisiere oder destabilisiere, je nach Zugrichtung. Das schmuddelige Mädchen mir gegenüber, das mich an frühere Nächte erinnert, nimmt mein noch im Dorfmodus verharrendes, verschrecktes Gefühl deshalb mehr als dankbar zu Kenntnis. Ein Punk, beschließe ich, die sich temporär in den Falschen verliebt hat. Ich lehne mich zurück, tippe: ‚Komme gleich. Kuss!’ in mein Handy, und freue mich. Zehn Minuten noch. Ich schließe die Augen.

Keine Minute später knurrt der Hund. Ich gratuliere ihm innerlich zu seinem Temperamentsausbruch. Als das Pärchen jedoch anfängt zu tuscheln, höchstes Einvernehmen signalisierend, bin ich alarmiert. Habe ich zu offensichtlich observiert? Auch wenn Asiatisch Schwarz meine Sympathie errungen hat, setze ich keinen Pfifferling auf ihre Solidarität. Kriege ich jetzt eins ab, weil ich sie offenen Mundes begafft habe wie die Paviane mit ihren nackten Ärschen im Zoo?

Das Bild einer jener zwangsläufigen Schulfreundinnen, wie man sie so hat, wenn Eltern sich befreunden, wabert in meinem Kopf umher. Große Manga-Augen hinter einer rosa gefärbten Weitsichtbrille, mit denen sie nicht wenige Menschen auf der Straße niederstarrte, gerade einmal neunjährig. Der Inbegriff der schamlosen Voyeurin. Meine Scham damals, weil sie so glotzte, gleichzeitig heimliche Bewunderung dafür, dass sie es tat, gegen jeden Anstand, einfach tat, weil sie es wollte. Selbstbestimmung, die ich erst später fand, dann auch gegen Anstand antretend. – Ob ich nun, ohne es zu merken, ebenso schamlos geworden bin wie sie damals? Allerdings 20 Jahre älter? Immerhin: Hierher zu ziehen, sagen einige, sei auch gegen jeden Anstand gewesen.

Wie verfemt ist es, fremde Leute anzustarren, einzukästeln, sie für meine Erinnerungen zu missbrauchen? Ich hörte die beiden immer noch tuscheln und wage nicht, die Augen zu öffnen. Gott, an den ich aus demselben Grund des Unanstands und auch vorsichtshalber nicht mehr glaube, lieber Gott, denke ich… – vielleicht wäre es indes ein Fortschritt, eine Strafe wert zu sein?

Vorsichtig öffne ich die Augen.

Man ignoriert mich.

Beide starren sie in jeweils deutlicher Erregung einem Schatten hinterher, der eben aus dem Abteil huscht. Der Hals des Mannes ist wuchtig, rot, man sieht die Adern. Die Frau sieht aus, wie ein Kind, dem man beigebracht hat, dreckigen Sand ekelhaft zu finden, und das sein Wissen gerade zum ersten Mal vor der großen Tante vorführt: Dreck, I bäh.

Du auch, will ich ihr zurufen, was gibt dir, mit deinen langen Haaren und deinen weichen Lippen das Recht, mich so zu enttäuschen?

Ich bleibe freilich sitzen, beobachte zynisch die plötzliche Einigkeit zwischen ihnen. Akademisiere über die stützende Rolle der Frau im neuen Rechtsradikalismus. Ihre Sucht nach Harmonie. Meine Sucht danach.

Als das Objekt ihres Hasses, ein schmächtiger Afrikaner von vielleicht 35 Jahren, wiederkommt, kann ich das Spektakel in Gänze beobachten. Seine plötzlich dicken Arme zucken, die Beine wippen unruhig. Sie legt ihm begütigend die Hand auf die Schenkel, reißt aber den Hund am Halsband und zwingt mit niederglühenden Augen den eilig Vorbeiziehenden nieder. Natürlich, denke ich: Wenn‘s dem Zwecke dient… Sehr ausdauernd starren sie, das Pärchen mit dem knurrenden Hund, und man könnte verbrennen in diesem Blick. Der Afrikaner starrt kurz zurück, aber das Grollen aus des Mannes und des Hundes Maul lässt ihn schnell weiterziehen.

Als ich einige Minuten später in Leipzig ankomme, das bunt und laut ist, träume ich vom Mut, in jedes Dorf im Zentrum der Peripherie riesige und buntbekleidete schwarzhäutige Gummipuppen zu stellen. Asiatisch Schwarz zieht Mann und Hund hinter sich her. Ich frage mich, ob ich ihr nun doch dankbar sein sollte, weil sie den Schwachkopf begütert. Ich seufze. Mein Handy summt.

„Wo bist Du Süße?“

„Im Niemandsland“, tippe ich zur Antwort, und bleibe noch einen Moment stehen, bevor ich mich wegreißen lasse vom geschäftigen Strudel um mich herum.


(c) Anja Mutschler, 2009