Eine Rück- und Vorausschau zum Umgang mit Fakten in der öffentlichen Debatte.
Das Unwort des Jahres ist gekürt. "Alternative Fakten". Fast zeitgleich verkündet die Europäische Kommission, dass ein Expertengremium berufen worden ist, um den "Fake News" künftig besser Herr zu werden. Und der Blogger Richard Gutjahr veröffentlicht einen erschütternden Bericht über die antisemitische (!) Verfolgungsjagd, der er (Stichwort: Nizza) seit über zwei Jahren ausgeliefert ist und bei der man sich nur mühsam dem Eindruck erwehren kann, dass die Menschheit sich seit geraumer Zeit rückwärts entwickelt. 

Ich kenne Leute, die auf Trump zeitweise mit Medienboykott reagiert haben. Als Mensch, der beruflich sehr gut informiert sein will über das alltägliche Geschehen, im Alltag keine Option. Trotzdem hat die dauernde Erregung, die dystopische Hysterie, mir 2017 stark zugesetzt. Das Schwierige am digitalen Medienkonsum ist ja, dass es großartige Lese- und Lernerfahrungen gibt, was aber ziemlich zeitaufwändig ist, auch weil einen links und rechts vom Weg ständig Horrormeldungen anblinkern. Empathie und Voyeurismus gehen eine ungute Mischung ein. Und diese sind eben nicht die Panorama-Seiten, die man aufschlägt, bevor man sich den ernsten Sachen widmet, sondern wirklich grässliche Nachrichten. Ich erinnere mich noch, dass es die "Katzenbilder"-Diskussion gab vor Charlie Hebdo, vor den Flüchtlingen, vor Trump: Das Internet, so hieß es, produziere nur belanglosen Content.

Warum das Postfaktische den Witz bedroht

Und teilweise falschen: In der ersten Phase seiner Internet-Sozialisierung habe ich mit meinem Sohn (13) über vorgebliche Rekorde oder wahnsinnige Ereignisse diskutiert und ihm den Tipp gegeben, den ich jedem gebe: Quellenprüfung. "Ein You-Tuber hat gesagt", ist keine ...
Seit 2013 hat sich das Geschäft - danke Breitbart! - mit den Fake News aber zunehmend professionalisiert. Fake News gelten seither nicht mehr als niedlich oder so dämlich, dass sie schon wieder gut sind. Aus einem Spiel ("Click Baiting") wurde schleichend ein Ideologie-Battle. Man darf dabei nicht vergessen: Auch der liberale Mainstream beherrscht das Stilmittel der verkürzten Darstellung. "Wir" machen gerne Witze auf Kosten anderer oder stellen Fakten verzerrt dar. Je schlechter die Zeiten, so möchte man meinen, desto besser die Satire.
Eines ist der intellektuelle Witz allerdings nie: menschenverachtend. Und der Griff in die aller-aller-allerunterste Schublade der menschlichen Grausamkeiten, war schlussendlich das, was uns - liberal, eher optimistisch und nach vorne gewandt - so laut aufstöhnen ließ: Der Kampf um die Meinungsvorherrschaft wurde von den (rechten) Hetzern mit einer Lust an der ethischen Grenzverschiebung betrieben, dass es schwer war, wie bislang mit Ignoranz zu reagieren. 

Es ist viel darüber geschrieben worden, dass die Ignoranz der (kulturellen) Elite den Clash of Culture überhaupt erst beigeführt hat. Die Toleranz sei unecht, so heißt es, am Ende interessiere uns der "kleine Mann" nur als Forschungsobjekt. Ignoranz funktioniert dann gut, wenn ich es als Handlungsoption für eine Situation wählen kann, die mich konkret betrifft: Sich zu ignorieren kann ein Spiel zweier Parteien sein, die versuchen, den Eindruck abzuschwächen, sich gegenseitig etwas zu bedeuten. Sie kann auch ein Heilmittel sein, um eine endlose Debatte zu beenden, bei der keiner der beiden Parteien gewillt ist, seine Position aufzugeben. Ignoranz ist nicht zuletzt auch die freie Entscheidung des Einzelnen, und zwar darüber, wer im eigenen Leben eine Rolle spielen darf und wer nicht. Ich habe es mit Menschen, die mir ideologisch oder emotional nicht ganz geheuer waren, oft so betrieben. Meistens mit guten Ergebnissen! Im Falle der mittels Fake News betriebenen, vor allem migrations- und, man glaubt es kaum, judenfeindlichen Hetze ist Ignoranz schwierig geworden.  Bisweilen hatte man gar den Eindruck, wenn keiner was sagt, stünden quasi Menschenleben auf dem Spiel (der Artikel von Gutjahr hat mich diesbezüglich nicht beruhigt!). Don't feed the trolls ... ja, aber was, wenn er seine Keule schwingt? Ich (dis-)like, also bin ich?

Würde ich politische Kunst machen, würde ich statt eines Empörungsmarsches einen heiteren Flashmob organisieren. Jede politische Veranstaltung der angstenthemmten Rechten sei dadurch zu kontaminieren, dass eine Gruppe im rechten Moment aufsteht und laut loslacht. Trump beispielsweise müsste durch permanentes Anlachen zu besiegen sein. Das sollte auch in anderen Situationen eine gute Antwort sein, wobei nicht auszuschließen ist, dass es auch mal böse endet könnte. Trotzdem, wäre es nicht das bessere Format? Ich glaube nicht, dass Fakten oder Empörung oder Verbote die richtige Antwort auf diskriminierende Akte sind. Sondern Humor.

Du machst mich an? Ich lach dich an.

Aber ach, der Humor. Wenn ich mich zwischen politisch korrekten und derben Witzen entscheiden müsste, würde ich stets letzteres wählen. Ich will sagen können: der ist dämlich, ohne eine Identitätsdebatte am Leib zu haben. Und ich will sagen dürfen: das ist mir zu totalitär, ohne mir dasselbe vorwerfen zu lassen. 
Leider war der Humor - abseits der Satire und im konservativ(ierend)en Politikfeld - nie gut beleumundet als politisches Sprachinstrument. Das ist in Zeiten alternativer Fakten nicht besser geworden: Wer einfach mal loslacht, wenn einer Schwachsinn sagt, gilt mittlerweile als arrogant, stumpf oder zynisch. Der gute Witz droht zwischen Political Correctness und Fake News zerrieben zu werden.

Oder anders formuliert: Nix Cat Content mehr. Stattdessen das NetzdurchsetzungsDG.

Der digitale Witz ist tot, zumindest solange, wie nun i-r-g-e-n-d-w-e-r bei Twitter & Co darüber entscheidet, ob das jetzt noch ein Witz oder schon Hetze war. Selbst die differenzierteste Wortkünstlerin unter den Meme-Produzenten, Barbara, droht mit Rückzug. Was sehr schade wäre, weil sie Widerstand ästhetisch begreift, nicht argumentativ und ihre poetologische Fortführung von Nazi-Quatsch an Wänden dem Absender nicht die Würde raubt. Andere Pro-Vielfalt-Redner sind da weniger sublim. (Grober Klotz - grober Keil-Lyrik nach M. Schulz).

Analoge Übung: Halt-ung!

Also, worum geht es in der Fake-News-Debatte überhaupt? Ist die Debatte selbst vielleicht nur ein Fake? Mancherorts wird schon wieder zu Optimismus geraten, weil sich die Mediokrität als eigentliches Merkmal derjenigen, die mit Lug und Trug an die Macht kommen, nicht durchsetzen wird. (SPON). "Fake News" haben einen Nährboden, solange wir nicht hören wollen, was der andere denkt. Praktische Übung: analog mit ideologischen Gegnern debattieren. Erst durch Trump habe ich festgestellt, dass ich mit vielen Freunden ein apolitisches Verhältnis pflege. Außer wir sind uns explizit einig. Nun höre ich Menschen, die ich mag, irgendwann einen dieser berüchtigten Aber-Sätze sagen: Die Innenstädte. Es sei aber schon so, dass ... Was man gegen das Wort Neger habe, es sei rein deskriptiv. Oder: Wenn selbst der Politiker xy (bevorzugt bürgerlich) schon sage, dann ... Diese Argumentationslinien sind natürlich keine "Fake News", sondern drücken Perspektiven aus, die man auf das Thema "Flüchtlingswelle" (was für ein Wort!) haben konnte. In diesem Sinne gibt es keine Fake News, weil ich einen Bahnhof, an dem mehr dunkelhäutige Menschen auf den Nahverkehr warten als früher, als einen Bahnhof visualisieren kann, der "weniger weiß" ist oder ... eben nicht. In der virtuellen wie analogen Debatte existiert an dieser Stelle ein argumentativer Leerraum: Ich sage, dass es keine Rolle spielt, wie viele Menschen anderer Hautfarbe nun an einem deutschen Bahnhof warten dürfen. Der andere sagt, dass er lediglich feststellt, dass die Flüchtlingswelle auch den optischen Eindruck an öffentlichen Plätzen geändert hat. Das habe übrigens auch der und der getwittert. Auf mein lakonisches, und deshalb ist es wahr?, entsteht ein Schlagabtausch über "Tatsachen" "Wirklichkeit" und "Wahrheit", der mir zunehmend absurd vorkommt, weil wir ja die ganze Zeit nicht darüber sprechen, ob am Bahnsteig tatsächlich mehr dunkelhäutige Menschen stehen als früher, sondern ob das ein Problem darstellt, dass unsere Gesellschaft - Iih-Wort - bunter geworden ist. So direkt darauf angesprochen, ist es natürlich keines, auch wenn man zum Wort bunt noch mal sagen möchte ... Man oder er? Nun gut, das habe ich dann nicht mehr gefragt. Und warum? Weil ich mich unterhalten möchte und derbe Witze reißen. Dafür war diese Freundschaft doch eigentlich gut. Stattdessen bin ich in der kuriosen Situation, innerhalb einer Freundschaft meine Haltung begründen zu müssen. 

Ich tue das antipodisch zu dem mir servierten: Ich habe KEINE Angst vor Ausländern, ich schätze, die Deppen-Normalkurve ist dort ähnlich wie bei Deutschen. Ich finde Toleranz und Nächstenliebe einen wichtigen Grundpfeiler des deutschen Demokratieverständnisses und sehe wenig Sinn darin, dies durch Abgrenzung und Egoismus zu ersetzen. Weder sehe ich persönlich oder abstrakt eine Gefahr, die von, Iih-Wort zwo, Multikulti ausgeht. Das ist schlicht eine politische Haltung, ein komplexes Mischwesen aus Prägung, Erfahrung und Lektüre. Man kann ihr zustimmen kann oder nicht. Meine Haltung hat sich im Angesicht der Debatten eher geschärft, was ich mittlerweile auch wohltuend empfinde. Wäre es beruflich wichtig, sich zu einigen, würde es sich wahrscheinlich empfehlen, die Fakten zu sondieren, mit Experten zu sprechen und sich darauf aufbauend eine Meinung zu bilden (wie wir das bei NIMIRUM ja tun). Aber zwischen Freunden: bleibt der Respekt für verschiedene Haltungen. Und die Freiheit, eine Freundschaft nicht fortzuführen, wenn die politische Divergenz ins Emotionale überschwappt. 

Auch das kommt vor. Denn im besten Sinne befördern die postfaktischen Zeiten eins: Haltung.