Hashtags erinnern mich unwillkürlich an meine Studentinnenzeit, als ich viel durch zeitgenössische Museen ging (unerreicht: Palais Tokyo in Paris) und die Signaturen der Postmoderne aufgesog wie ein Schwamm. Wer Kunst studiert, lernt eine komplexe Welt aus Zeichen kennen und wird trainiert, die sublime Gestaltungskraft einzelner Farben, Gesten oder Symbole zu deuten. Die christliche Ikonographie ist längst abgelöst (hie und da wird sie freilich noch ironisch zitiert, wie das herrliche Theaterstück Nipple Jesus von Nick Hornby mir in Leipzig jüngst vorführte).

Künstlerische Innovationskraft schien mir bei meinen doch recht zahlreichen Kunstbegehungen damals (also um die Jahrtausendwende) speziellen Menschen vorbehalten, ausgebildeten Künstlern oder solche, die verwegen genug waren, sich als solche zu bezeichnen.  

Bis das (sic!) Hashtag kam. Haben Sie es schon mal ausprobiert? "Du bist doof!" vs. #Dubistdoof - wer, wie ich Teenager zu Hause weiß, dass es mittlerweile gar schon in den Sprachgebrauch übergegangen ist: "Hashtagdubistdoof" oder HashtagKarma (wenn einem etwas Ungeschicktes passiert ist).

Die gesellschaftliche Dimension von Hashtags ist spätestens seit 2015 enorm. Neben vielen schlechten Beispielen - wofür steht noch gleich #fedidwgugl? - können Hashtags enorme Bekanntheitsgrade erreichen. "Wofür stehen #aufschrei und #metoo - zeichne die Debatte nach und erkläre deren historische Dimension?", gut vorstellbar in einer Schulklausur 2023.

Mehr noch, das Hashtag ist auch Teil der neuen #Hieroglyphenkultur (interessanter Artikel hier), Prinzipiell ist es in seiner Nutzung unbegrenzt. Als Nutzer kann ich vor alles ein Hashtag setzen und einer Tatsache, Situation oder Ausruf mehr Bedeutung verleihen: Hier, seht her, diese Sache ist wichtig. Daraus lässt sich etwas lernen.  #MeinStatementzurSache. Auf Twitter und Facebook gelingt das besser als auf Instagram (die eigentliche Botschaft dort ist das Bild, das Hashtag fungiert als klassische Kategorie). So arbeitet auch Kunst, insbesondere Zeitgenössische, die sich ihre Ikonographie selbst erschafft und dazu häufig auf soziale Alltagssituationen zurückgreift. Hashtags sind auch im PR-Bereich beliebt, weil sie dazu geeignet scheinen, die Deutungshoheit über die Marke zu behalten. Ohne Ironie geht es aber meistens schief, weil der Nutzer von heute nichts mehr liebt, als verbalsubversiv auf die Barrikaden zu gehen und dafür Hashtags zweckentfremdet. 

Zugleich ist ein Hashtag, der als Markenerkennungstool funktioniert, auch widersprüchlich zum eigentlich Faszinierenden eines Hashtags: seiner Flüchtigkeit. Ein Hashtag funktioniert dann gut, wenn er die Situation einfängt. Ein guter Hashtag kann viele Situationen zusammenfassen . Und ein sehr guter Hashtag wird irgendwann zum Erkennungszeichen all derer, die diese Situation schon erlebt haben.  Das trifft auf die wenigsten zu, und fast nie auf einen, der ex cathedra verordnet worden ist. Der größte Vorteil der Kommunikation in sozialen Netzwerken ist meines Erachtens die Vergesslichkeit der Systeme. Klar, kann man alles irgendwo irgendwie finden. Aber suchen Sie mal auf Facebook von sich eine Aussage, die ein halbes Jahr zurückliegt - längst perdu. 

Ein Hashtag ist demgegenüber wie ein Tag, ein Schlagwort, unter dem sie gefunden werden wollen. Nur international heißt es Obacht:  die Fettnäpfe sind allgegenwärtig. Dazu haben wir bei NIMIRUM auch zusammengetragen ...