Vor rund acht Wochen habe ich meinem Vater, Maler und Bildhauer, einen Instagram-Account aufgesetzt (@mangelo07). Für einen Textmenschen wie mich ein echtes Abenteuer - und eine wunderbare Ergänzung für mein Toolset als Content-Beraterin & Produzentin. Aber lest selbst ...
Woche 1: #mydailypainting - WOW, it works, :heart: :flower: :star:

Tag 1:
 Zum etwa einhundertsiebenundzwanzigsten Mal sprechen mein Vater und ich an diesem 25. April 2019 über unser Vorhaben, seine spontan-expressionistischen Kunstwerke, vorrangig Gemälde und Plastiken, endlich besser zu vermarkten. Seine erste Werkschau 2017 (Die Kunst der Beziehung in der Galerie Bilderbogen, Leipzig) hatte ein gutes Gefühl und vor allem viele Materialien, Fotos, Texte, eine Webseite, hinterlassen. Eine schöne, spontane Aktion.

Erfolgreiches Marketing braucht aber mindestens zwei Grundzutaten -
  • Relevante Inhalte für die richtigen Leute
  • Regelmäßigkeit, am besten auf verschiedenen Kanälen.
Also nicht das, was eine einmalige Ausstellung hergibt. Schon gar zwei Jahre später.

Im Schatten der neorealistischen Leipziger Schule die modernistisch-humanistisch-sponti-angehauchte Kunst des Schwaben Michael Mutschler zu platzieren, hielten wir beide sowieso für etwas verwegen. Schon eher Berlin - aber, ach, wo fängt man dort nur an?  West, Südwest - auch interessant, aber so zum Anfangen echt weit weg. Wie punkten wir also jenseits der Region? Mit begrenzten zeitlichen und materiellen Mitteln? 


Später würde ich mich wundern, warum wir bei dieser Gleichung nicht sofort auf Instagram gekommen sind. Aber an diesem Donnerstag fühlen wir uns zu gleichen Teilen fatalistisch und feierlich, als wir den ersten Post absetzen. Und während ich, kein Anfänger, aber gewiss auch kein Profi für Hashtagging, noch versuche herauszufinden, wie platt man Rauten auf #igram vergeben darf, sehen wir staunend, dass FREMDE Menschen das erste Foto liken. Anders als bei Facebook mit seinen Zirkelgesprächen unter Freunden und Twitter (ich bin semi-begabte Twitterin, meine Interaktionsrate liegt vermutlich bei 0,03 Prozent, also so viele fremde Herzen bin ich auch nicht gewohnt) ist es, so stellen wir fest, bei Instagram total normal, dass man wild herumlikt, auch wenn diese Leute nur 8 Follower haben. 

Feststellung 1: Instagram ist ein freundliches, wohlgesonnes, unvoreingenommenes Netzwerk. 

Den ersten Tag schließen wir ab mit 15 Followern und in etwa ebenso vielen Herzen. Und einem netten Kommentar.

Tag 2: Ich poste das erste Bild aus der Sammlung und bin stolz, den Hashtag Maskenkunst gefunden zu haben. Ich denke mir einen kurzen Text aus, damit die Rauten nicht so dominieren und schaue zu, wie nach dem Posten innerhalb von 2 Minuten Herzchen reinfliegen. Besser als Drogen!

Tag 3:  Wir feilen ewig am neuen Text. Ein schwieriger Bildtitel "Jenseitsterminal", ich denke, dass sich das wohl kaum durchsetzen wird in diesem Regenbogen-Bilder-Nil, dem die Nutzer minütlich ausgesetzt sind. Stattdessen: Bling, bling, bling ... und ein Lob von einer Kulturinstitution. Ich bin baff, weil ich das Bild für sehr philosophisch hielt. Mittlerweile bin ich wieder in meiner Wohnung, aber wir rufen uns drei Mal am Tag an, um uns die jeweiligen Stände durchzugeben - eher, zu schreien. Mein Vater bestellt sich ein neues Handy mit guter Kamera. 

Tag 4:  Über Nacht haben wir plötzlich 50 Follower. Oh. Mein. Gott. Bei den Nachrichten sehe ich aber auch Barbusige und ghanaische Prinzen, die den nett lächelnden älteren Herren anschreiben. Ich gebe Hinweise, wie zu reagieren ist (nämlich gar nicht). Trotzdem sind wir beide sehr aufgeregt. Wir reden durcheinander und fangen an, Galerien zu liken. Man weiß ja nie. Als die Zahl plötzlich wieder unter 50 ist, fühlt es sich an wie ein Kater. 

Tag 5: Die Kurve geht weiter abwärts. Die fatalistische Seite gewinnt Oberhand. Wir wollen natürlich die richtigen Fans, war klar, dass da auch ein paar falsche Neuner dabei sind etc. Ich bin enttäuscht, dass mein Lieblingsbild, das etwas anzüglich ist, nicht so viele Likes bekommt. Wie erotisch ist Instagram eigentlich? Es gibt zwar viel nackte Haut, aber oft wirken die Personen drauf puppenhaft antiseptisch, selbst wie Gemälde. Eine kleine, altbekannte Enttäuschung. Ich poste noch ein Bild. 


Tag 6:
Puh. Es geht wieder aufwärts. Mir wird klar, dass Instagrammer ein hartes Leben haben, denn Ablehnung und Zuneigung wird zählbar. Mittlerweile hat sich eine Arbeitsteilung etabliert: meine Texte sind mittlerweile auch oder ausschließlich auf Englisch und ich habe meine Hashtags verfeinert. Mein Vater likt und kommentiert bei anderen. Und das funktioniert hervorragend. Wir springen auf 70, 71, 72 - jetzt hat er mehr Follower als Lebensjahre. Und erhalten erste Anfragen, ob wir Bilder "featuren" wollen, also auf Streams teilen wollen, die 10.000 oder mehr Follower haben. Wow. 

Tag 7: Eine Woche ist fast geschafft. Wir experimentieren weiter, wann, wie viele Bilder, welche Motive - und enden mit 101 Followern nach einer Woche. Wir finden das unglaublich. Und unsere Verwandten und Freunde auch. Ob das nun wirklich gut ist oder nicht, weiß ich nicht. Aber es fühlt sich verdammt gut an!

Ein paar wichtige Learnings notiere ich mir:

Texte müssen (auch) auf Englisch sein. Und die Menschen, die sich für die Kunst meines Vaters wirklich interessieren, sind oft außerhalb Deutschlands ansässig.

Mehr ist mehr. Also nicht ganz so, aber irgendwie schon. Ich habe gelesen, dass der Takt ungefähr dem entsprechen sollte, was man realistisch schafft. Wir einigen uns auf 2 Bilder am Tag (eine Zeitlang sind es sogar 3). 

Weiterlesen: Woche 2 bis 4.