Vor rund acht Wochen habe ich meinem Vater, Maler und Bildhauer, einen Instagram-Account aufgesetzt (@mangelo07). Für einen Textmenschen wie mich ein echtes Abenteuer - und eine wunderbare Ergänzung für mein Toolset als Content-Beraterin & Produzentin. Aber lest selbst ...
Woche 2-4: #f4f und 24-Stunden-Schichten, @all :thankyouverymuch:

Mein Vater steht unter Strom: das positive Feedback auf seine Bilder löst einen wahren Kreativitätssturm aus. Sein Wohnzimmer - das Atelier - ein wunderbares Chaos (bei mir ein ausschließlich positiv besetztes Wort!), unsere neue WhatsApp-Gruppe, auf der er #workinprogress postet, die ich mit etwas ungeübter Hand als Stories oder Bildergalerie einstelle, explodiert von seinen Werkfassungen. Anders als die "fertigen" Bilder, die von der Leipziger Fotografin Jasmin Zwick fotografiert werden, stehen wir bei den Atelierbildern auch vor der Frage, wie wir diesen "Werkstattblick" inszenieren wollen. Wir entscheiden uns für eine bewusst roughe, oder wie man heute sagt authentische Darstellung. Funktioniert. 

Ich bin froh, die Texte zu verfassen, kostet nämlich genug Zeit. Morgens im Bett, in der Mittagspause und auf dem Nachhauseweg tippe ich Texte in meinen viel zu kleinen Handybildschirm und ärgere mich regelmäßig über die diktatorische Entscheidung von Instagram, kein Posting über den Browser zuzulassen. Manchmal fühlt sich mein Arm abends sogar etwas lahm an ...

Der User als Publikum

Der Blick von außen verändert auch den Umgang mit seiner Kunst. Eines Morgens schickt er mir "Trumpoleon", eine seiner prächtig bunten, maskenhaft verschlungenen monströsen Menschenfiguren, in der er einen seiner typischen subtilen Kommentierungen zur Männerwelt verpackt hat. Es ist ein Bild von 2018, das er überarbeitet hat. Er hat es sprichwörtlich aus seinem Archiv herausgezerrt, weil es nun, da Menschen zusehen eine andere Bedeutung bekommt. Mit dem Blick des Publikums entdeckt er neue Werke in seinem Werk. Ich habe auch den Eindruck, Farben spielen plötzlich eine andere Rolle: kräftiger, klarer, kontrastreicher - so wie es das Internet goutiert. Wir arbeiten übrigens fast immer ohne Filter und wenn dann nur, um Grauschleier von der Linse zu kriegen.

Auch die Motivwahl verändert sich: in diesem ersten Monat, in dem wir sehr viel herumexperimentieren, kristallieren sich manch überraschende "Favoriten" des Online-Publikums heraus. Die großen Bilder, 80x100 oder noch größer schrumpfen bei der Instaauflösung recht wirkungslos zusammen. Während die kleinen Bilder, die im Original dagegen etwas blass wirken, zur vollen Geltung kommen. Wahrscheinlich wäre dies ein spannendes Ausstellungsthema. Als ich Wochen später einen Artikel im Lettre International zur heutigen Form des Kuratierens lese, fühle ich mich bestätigt: Ein Kunstwerk ist seinem Kontext unterworfen. Die Autorität der Internetkunst ist es, sich selbst einen Ausstellungsraum zu schaffen. Genau das geschieht hier! (Lettre International 2/19, Boris Groys, "Universales Kuratieren")

Es ist bemerkenswert, dass die optische Veränderung auch bei den Bekannten und Verwandten bemerkt sind und Sätze wie "ich wusste gar nicht, dass er DAS / dass er SO gemalt hat." Es ist in der Regel positiv gemeint und zeigt, dass die "klare" Feedbackfunktion der anonymen Crowd der analogen in gewisser Weise überlegen ist. Und zwar von beiden Seiten: der Sender gibt im direkten Gespräch selten seinem Unmut direkt Ausdruck. Und der Empfänger vollführt wahre Kapriolen, um aus dem (Nicht-)Gesagten das Beste herauszuholen. "Follow" vs. "Unfollow" sind dahingegen starke Kennzahlen.




Zugleich ist er ein #intuitivepainter, ein "Gärtner" (im Gegensatz zum "Architekten"), er weiß also am Anfang nicht, was hinterher herauskommt. Das kann ich gut verstehen. Ich fürchte aber, dass in der oft überinszeniert wirkenden Instagram-Welt sein "spontaner Expressionismus", wie ich seine Kunst gerne nenne, die Spontanität, durchaus Unfertige oder gar Krumme keine Chance hat. Meine (englischen) Texte werden erzählerischer - ein Vorteil von vielen tausend Stunden Gesprächen ist, dass mir nun kurze Stichworte von ihm reichen, um einen Text zu schreiben.

Ich notiere mir (und lese später, dass ich richtig liege):

Die Haltung des Künstlers zum Bild interessiert die Nutzer. 

Zwar entspinnt sich nur selten eine Diskussion, aber interessant finde ich es doch, dass Kontext, eine Art Lesehilfe vom Künstler, eher positiv bewertet wird. In meinem Studium waren die Werkerklärungen von Künstlern höchsten Gegenstand kritischer Würdigungen. Ich hoffe auch, dass die Worte nur als Anregung, nicht als Denkdiktat empfunden werden. Außerdem sind sie, da ich sie schreibe, sowieso schon einer ersten Interpretation unterworfen. Ich weiß nicht, ob es die Kategorie des ghostwritenden Künstlers gibt, zumindest gehöre ich ab heute dazu! 


Viele Kunstwerke meines Vaters sind politisch. Er ist ein typischer '68er, dessen künstlerischer Werdegang in einer hochpolitisierten Gesellschaft stattgefunden hat. Er hatte die taz abonniert, hat eine Ortsgruppe der Grünen mitgegründet und empfindet die aktuelle Re-Politisierung durchaus auch als wohltuend.

Dennoch bin ich überrascht, zu sehen, wie gut #politicalart auf Instagram läuft - zum ersten Mal knacken wir die 50-Likes-Grenze (nur einige Wochen später wird sich diese weit nach oben verschoben haben, aber dazu später).

Bald ist ein Monat um und (fast) jeden Tag sind wir noch erstaunt. Kritische Stimmen monieren, dass wir zu viele anderen folgen. Was einerseits stimmt. Andererseits: geht es nicht um Interaktion? Und ist es nicht normal, dass man sich gegenseitig Wertschätzung ausdrücken möchte? 

Ich glaube: (sich) folgen heißt auch, Wertschätzung auszudrücken. Und dafür sind die sozialen Netzwerke eigentlich da! 

Wir sind aber froh, zu zweit zu sein. Wenn einer von uns keine Zeit oder Lust hat, ersetzen wir uns gegenseitig. Zu diesem Zeitpunkt posten wir ja noch zwei bis drei Bilder am Tag - das ist ganz schön viel, wenn man eine Text-Bild-Story entwickeln will. 

Nach 3 Wochen haben wir fast 500 Follower. Oha!

Nächste Folge: Woche 4 (folgt bald)