Vor rund zwölf Wochen habe ich meinem Vater, Maler und Bildhauer, einen Instagram-Account aufgesetzt (@mangelo07). Für einen Textmenschen wie mich ein echtes Abenteuer - und eine wunderbare Ergänzung für mein Toolset als Content-Beraterin & -Produzentin. Aber lest selbst ...
Woche #5-7 It's all about sympathy. #lookIamfamous #dontunfollow

Geben wir es offen zu: der Erfolg gibt doch allem Recht. Rasant ist die Kurve gestiegen und als @mangelo07 nach rund 5 Wochen auf 700 springt, glauben wir sehr viel mehr an das Gute im Menschen. Hinter uns liegt der erste Post mit 100 Likes. Ausgerechnet ein uraltes, oder besser gesagt, frühes Werk aus Kunstakademiezeiten. Ein mittlerweile verwitterter Torso, der im Garten meiner Schwester steht und heute Vogelherberge ist, erntet viel Applaus. 
 
Exkurs (my opinion):

Manchmal denke ich, dass mein Vater den künstlerischen Werdegang eines Künstlers aus dem 15. oder 16. Jahrhundert hat: In der Kindheit und Jugend eine strenge, aber durchaus nachhaltige künstlerische Erziehung durch seinen Vater Rudolph Mutschler (auch er Kunstlehrer und Künstler, der in meinen Augen eine abstrakt-konkrete Metapher des Klassischen entwickelt hat. Einen Anti-Pop, der mir heute wie eine künstlerische Kommentierung der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik Deutschland erscheint, atmen seine Bilder doch die Strenge der Gelehrsamkeit und zeugen zugleich von der größtmöglichen Einsamkeit des humanistischen Geistes nach dem Holocaust - Zeitgenossen sahen ihn eher in der Tradition des Surrealisten de Chiricco. Eine Wertung, die er aber stets ablehnte).
Die kanonische Kunstvorstellung seines Vaters hat wiederum mein Vater seit dem Studium mit immer größerem Erfolg aufgebrochen (OK, ich denke gerade an Caravaggio oder Michelangelo). Kunsthistorisch betrachtet, zeugt dieser nahezu klassische Torso von der anklingenden Emanzipation. Ich habe den Eindruck, heute ist ihm wieder deutlich bewusst, wie viel Glück er hatte, als Vatermilch eine jahrelange Lehre erhalten zu haben. 

Schritte hin zur Instagram-Strategie

Ich schreibe die Profilbeschreibung auf Instagram um - wir zeigen nun Kunstwerke aus 50 Jahren seines künstlerischen Schaffens. Und wiederum springt die digitale auf die analoge Identität über: Weil andere, außerhalb des engsten Kreises, sehen, wie lange er schon tätig ist, sieht er selbst es. Ich bin Künstler, das geht dem pensionierten Kunstlehrer mittlerweile leicht über die Lippen. Irgendwann möchte ich die Bilder aus seiner ersten Kunstmappe zeigen, mit der er sich für die Kunstakademie beworben hat!

Ich notiere: Die digitale Identität hat die Kraft, die analoge zu verändern.


Ein Foto wie ein Bild - Guten Morgen!


Tal der Tränen: Was habt ihr mit der 700?

723 waren es am Vortag, die Kurve schien #unstoppable. In den Direct Messages finden sich viele Nachrichten von Agenturen, die Follower (keine gekauften!) verkaufen wollen.  Am nächsten Morgen wache ich auf und bin irritiert: Als ob man ein Steinchen in den Abgrund geworfen hätte und eine Lawine ausgelöst hat, sinken die Zahlen im Steilflug. 710, 701, 694 ... was ist los???

An den Kater habe ich mich gewöhnt - wenn die Zahl nicht ganz so schnell ansteigt wie am Tag zuvor. Aber gleich so eine Klatsche?
 
Wir übertönen unsere Enttäuschung und versuchen, es nicht so schlimm zu finden. Betont fröhlich sagen wir uns, dass wir ja wesentlich weiter sind als wir je gedacht hätten. In der Tat habe ich mir überhaupt keine Vorstellungen gemacht, fand aber alles jenseits der 200 schon absurd. 

Ich verdächtige eine der Agenturen, die besonders aggressiv war, uns Follower aufs Profil geschickt zu haben, um uns dann wie Süchtige ohne Stoff in ihre Arme zu treiben. Ich lerne aber auch, dass es Usus ist, zu folgen, um gefolgt zu werden (#f4f), nur um sich dann wieder zu entfolgen. Und mit den Erfolgen der letzten Wochen war mein Vater sehr aktiv beim Follower sammeln gewesen.

Ich berapple mich. Da ich in der digitalen Welt auch Dienstleistungen verkaufe, bin ich solche abrupten Kehrtwendungen in gewisser Weise gewohnt. Ghosting gibt's mittlerweile ja in jeglicher menschlichen Beziehungsform. 

Aufgeben ist für mich also keine Option. Während mein Vater schon anfängt, den Erfolg zu relativieren (das Ganze sei ja "nur" Instagram und sowieso) und sein Engagement spürbar nachlässt, kremple ich innerlich die Ärmel hoch. Moment mal, denke ich. Das wollen wir erstmal sehen! 

Schritt 1: Memo an Vater: "Nicht mehr allen folgen, die Instagram uns vorschlägt". Anders formuliert: NIEMANDEM folgen, den Instagram einem vorschlägt und die man nicht kennt. Diese scheinen das Gegenteil einer treuen Gefolgschaft darzustellen, sondern typische Follower, die sich nach einigen Tagen wieder entfolgen: Das können wir auch! Ich lege mir eine App zu, die das "Entfolgen" einfacher macht - mit durchaus katharsischer Wirkung. Die Imbalance zwischen Follower und Follows nimmt ab, vor allem aber die etwas wahllos wirkende Audience (emojireiche Profiltitel, viel Haut im Profilbild) wird konziser.
Mein persönlicher Kondo-Moment (wenn es schon im Kleiderschrank nicht klappt). Wöchentliche Aufräumaktionen dieser Art sind mittlerweile Routine, weil der Herr Künstler eben doch ab und zu durchdreht und nachts durch Instagram pflügt wie früher durch Diskos ... :)

Schritt 2: Ich gehe auf das Angebot bei Instagram ein, das Profil zu einem Business-Acount umzuwandeln. Das kostet nichts, bietet ein wenig Statistik. Vor allem aber das Bewerben einzelner Posts. Ich pushe ein paar Tage jeden Post und wähle dafür einige starke Zielgruppen aus, wie z.B. "Kunstgalerie". Die Likes schießen in der Folge in die Höhe. 100 je Post wird bald keine Ausnahme mehr sein. Vor allem aber steigen die Kommentare stark an - kleine Emojis oder eine lange Direct Message von ernsthaften Bewunderer innen sind die Folge. Die Reichweite erhöht sich schon mit 2-3 Euro Invest pro Post sichtbar! Kein Vergleich zu Facebook oder gar Twitter. Besonders schön: die Kernzielgruppe wächst - also Leute, die jedes Bild liken, Kommentare absenden oder auch mal in Bewunderung schreiben.

Schritt 3: Ich reduziere die Anzahl der Bilder, die wir posten. Nachdem wir eher zufällig festgestellt haben, dass auch, wenn wir mal einen Tag nichts machen, Leute liken und gar folgen, ändern wir die Strategie: 1x täglich, am Wochenende vielleicht auch 2x. Wir schließen ein paar schlechte Zeiten - Samstag oder Montag früh beispielsweise - aus. Wie jedes eher private Netzwerk funktioniert es abends oder am Wochenende besonders gut. Da die Statistik allerdings überraschende Ausschläge in New York und Buenos Aires zeigt, ist das relativ. Die Uhrzeit ist, wie wir später feststellen, nicht wirklich entscheidend, der Unterschied bei den Reaktionen marginal. Wenn beworben wird, schon gar nicht.

Als wir endlich wieder 702 haben (Tiefpunkt war fast 650 nach einer "Hausse" von 723), rufen wir uns gegenseitig an. Metaphorisch wischen wir uns den Schweiß von der Stirn. Puh. Ein solcher Absturz passiert uns später übrigens nicht noch einmal.

Ich notiere:

Instagramerfolg ist kein Zufall, sondern Strategie. Und ganz ohne Geld geht's nicht.

Über dieses "Tal der Tränen" werden wir später häufiger sprechen. Wahrscheinlich weil wir intuitiv spüren, dass es eine wichtige Klippe war auf dem Weg, eine digitale Künstlerpersönlichkeit zu formen.

Das Tandem zeigt erneut positive Wirkung: Der Künstler, der Posts vorschlägt und interagiert. Dessen Leidenschaft sichtbar ist. Und meine (empathische) professionelle Distanz, die Aktion, Interaktion und Ziele strategisch angeht.
 
Quelle: squarelovin

Es ist Ende Mai: Wir erwecken Aufmerksamkeit bei Freunden & Familie. Mein Vater wird zu zwei kleinen Wettbewerben eingeladen. Unser "Yay"-Gefühl ist zurück. Noch aber sind wir weit von einem Galerievertrag entfernt.