Vor rund zwölf Wochen habe ich meinem Vater, Maler und Bildhauer, einen Instagram-Account aufgesetzt (@mangelo07). Für einen Textmenschen wie mich ein echtes Abenteuer - und eine wunderbare Ergänzung für mein Toolset als Content-Beraterin & -Produzentin. Aber lest selbst ...
Woche #8-10 oder: #karma #daddycool #künstlerwerdenkostet

Champagnerkosten

Nach unserem "Tal der Tränen" steigen die Zahlen also wieder zuverlässig. Meine Schwester schreibt etwas von Champagner. Wenn wir 1.000 Follower haben, trinken wir den in Wien! Mein Vater liebt Wien. Wir alle lieben Wien. (Wiener Galeristen? Her mit Euch!). Andererseits fließt meinem Vater das Geld gerade nur so durch die Finger - Bilder müssen fotografiert und gerahmt werden. Die Teilnahme an den Wettbewerben ist auch nicht umsonst.  

Ich denke kurz an meine Phase Mitte, Ende Zwanzig, als ich recht viel Prosa geschrieben habe und kurz davor war, mich vollends in den Literaturbetrieb zu werfen.
Es war eine schwierige Entscheidung - ich liebe das Schreiben und auch das Gefühl, zu schreiben. Aber ich wollte unbedingt als Frau (mit Kindern) meinen Weg machen und mein eigenes Geld verdienen. Das zusammen erschien mir unvereinbar. Auch, weil ich den Eindruck hatte, dass echte Künstler innen solchen Zwiespalt gar nicht empfinden dürfen (warum eigentlich?). Wie die Entscheidung ausgegangen ist, seht ihr. Meinem Vater ging das übrigens ähnlich - Kinder füttern zu müssen, macht einfach verdammt pragmatisch.
Dass "Künstler sein" vielmehr eine Lebenshaltung ist, die auch unabhängig von aktuellen Berufsentscheidungen ist, lerne ich mit ihm noch einmal neu. Das ist für mich übrigens das schönste Geschenk der ganzen Insta-Story.

Wien muss also warten. Aber es ist genug zu tun. Jasmin Zwick, die Fotografin, die seit 2016 die Werke meines Vaters professionell fotografiert, schießt auch ein paar nette Bilder für Instagram, als er beim Galeristen und Rahmenmacher Stephan Völkner über 30 neue Werke abliefert.

So viel habe ich schon gelernt - People + Story = Instagram. Wie eine fette, satte Katze schauen wir den Pling-Plings der Likes zu - schnell geht es über 300 Likes.

Die Öffentlichkeit sieht uns zu und wir sehen der Öffentlichkeit zu. Ich merke, dass ich jedes Mal, wenn ich in das Haus meines Vaters gehe, das sprichwörtlich überquillt vor Kunst, einen neuen Ort besuche. Statt eines angefangenen Bildes stehen plötzlich zwei, später drei Staffeleien (früher stand da ein Alibi-Fernseher). Er hängt Bilder um, neue auf, die Wertigkeit von Motiven ändert sich. Ich sehe die Bilder an - und bemerke oft den immer noch riesigen Unterschied zwischen einem kleinen Foto und einer großen Leinwand. Früher dachte ich, seine Kunst sei nicht fürs Wohnzimmer. Das ändert sich - im Dialog mit der Onlinepräsenz stärkt sich die haptische. Ich träume von einer Gegenüberstellung.

Aber auch für ihn ändert sich einiges: In Machern, der kleinen Stadt östlich von Leipzig, sprechen ihn immer mehr Leute an. Mein Vater ist jetzt der Künstler des Dorfes. Er kauft sich ein paar neue Hemden.



Old is gold!

Gleichzeitig höre ich in diesen Tagen (im großen Leipzig) öfter, mit der üblich maushaft gekrausten Nase neidhafter Bewunderung, dass es natürlich "schon problematisch" sei, dass mein Vater so alt wäre.

*Denke dir hier ein Gif mit "WTF?!?"*

Warum gleich? "Ein Kunstsammler kauft ja Zukunft."
Oder "Vom Prinzip her muss man schon realistisch bleiben."
Aha.
Ich denke an die vielen späten Talente der Kunstgeschichte und lächle milde.

Zudem ich den Eindruck habe, dass die Geschlossenheit seines Werkes ein Vorteil und seine natürliche Sympathie gar kein schlechter Markenkern sind (etwas über den Dingen stehen, schadet zudem nie). Die Vertraulichkeit, mit der manche ihrer Bewunderung Luft machen, ist schon beeindruckend. Zwei Beispiele:

"It's magnificient and I must say, I havent's seen such a beautiful painting. It's give me joy from within" schreibt sharon225 aus den USA

Oder hier eine amerikanische Feministin:


Der schönste Kommentar zur Sache kommt jedoch von einem ebenfalls nicht mehr ganz jungen Kunstliebhaber:

"Old is gold". Es steht bei dem bis heute erfolgreichen Bild mit über 700 Likes (Invest 5 Euro, da hatte es aber schon 300).




Schlangenbild

Dass das Publikum den Erfolg des Künstlers bestimmt und nicht der Künstler (oder die Art Managerin) zeigt sich, als wir die Kundalini-Schlange - für mich ein schlecht kaschiertes Meta-Eros-Gemälde - einstellen (... und nein, ich wundere mich als Tochter schon lange mehr über nichts. Eltern sind auch nur Menschen!).

ICH dachte ja, Instagram blockiert das. Aber auch seine vielen nackten, nicht gerade angezogenen Frauenbilder sind bislang ohne Reaktion geblieben. Er diktiert mir nahezu wörtlich, denn ich habe keinen Plan, einen Text über Chakren, Karma und die Kundalini-Schlange. Und dann posten wir diesen bunten Schlangen-P*.


Mein Vater folgt mit diesem Post (eine deutlichere Abwendung von seiner früheren Künstlerherkunft kann man kaum posten - siehe Teil 3 der Insta-Story) wie so oft einem inneren Gefühl.

Und, was soll ich sagen:
  • Unser erstes Bild mit 250 Likes.
  • Über 100 neue Follower mit einem Bild.


Für diesen Artikel schaue ich noch mal in unserer WhatsApp-Gruppe "Bilder" nach - dieses Bild nährte tatsächlich aufgrund der vielen Reaktionen unsere Hoffnung, es binnen 2 Monaten auf 1000 Follower zu schaffen.

11./12. Juni: "Traust du dich", fragt mein Vater abends. Er weiß schon, wie er mich kriegt ... Ich schreibe 6:53 Uhr: "done" und 7:11 Uhr: "Hammer". Stand der Follower war: 875. Die Kurve des Tages ...

Manna!


Es bestätigt nicht nur die schon früher geäußerte These, dass Instagram ein Ort für plakative Motive ist. (Siehe auch im zweiten Teil der Insta-Story).

Sondern auch, dass

die Themensetzung bei Instagram häufiger als bei anderen Netzwerken mit Sinnsuche durchsetzt ist.

Ich überlege, ob ich den Whatsapp-Chat archivieren soll, damit er später zugänglich ist. Die Ebene des Künstlers verschränkt sich bei mir immer sofort mit der Ebene über den Künstler. Deformation professionelle!

Auf zur 1000



Die "1000" Follower sind für uns ein sehr wichtiges Erlebnis. Da kann man sich vorher noch so oft sagen, dass es auch nur eine Zahl ist. 1000 ist Sichtbarkeit. 1000 ist deutlich mehr als die Anzahl der Besucher in einer Galerie. 1000 ist bei Konzerten oder Lesung schon ein echt großes Publikum. Kurzum: mit 1000, so dachten wir, mein Vater, meine Geschwister und ich, mit 1000 haste es geschafft. Es war also ein #unforgettablemoment für uns alle.

Zustand auf Instagram war Kundalini-Schlange +1. Es ist Samstag, der 15. Juni. Die Sonne scheint. Ich bin tagsüber am See und freue mich auf ein Konzert abends und auf eine Frühstücksverabredung am nächsten Morgen. Bräsige Zufriedenheit. Bevor ich (wie üblich zu spät) losfahre, sende ich um 19:53 Uhr ein Bild in die Familiengruppe - 992 Follower. "Noch 8" schreibe ich. Um 20:34 Uhr notiert meine Schwester: "noch 2". Ich bin zu diesem Zeitpunkt schon auf dem Privatkonzert in einer zauberhaften Mühle und tanze glücklich zwischen 8 bis 80-Jährigen. Es läuft gute Covermusik und meine Kinder fänden mich wahrscheinlich megapeinlich.

Um 21:51 Uhr postet mein Vater, der offenbar ohne zu blinzeln am Rechner saß: 1001!

Es ist 22.15 Uhr. Es läuft Daddy Cool von Boney M. Ich bin verschwitzt, ein wenig betrunken und linse auf mein Handy. Meine fast hysterische Reaktion geht zum Glück im Konzerttrubel unter.

Digital prosten wir uns zu. Mit 10.000 gehen wir wirklich nach Wien!


P.S. Nur wenige Tage später erhalten wir die erste (seriöse) Anfrage von einer Galerie. Aus New York. Davon lest ihr dann im fünften und letzten Teil.